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Essen verbindet - dem Weltfrieden zu Liebe

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Essen verbindet die Menschen

Essen bringt Menschen an einen Tisch. Seit jeher teilen wir Mahlzeiten, erzählen Geschichten, lachen, diskutieren – und manchmal schweigen wir gemeinsam. Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme: Es ist Begegnung, Erinnerung und ein stilles Zeichen von Frieden. Das spiegelt sich auch in den vielen Sprichwörtern wider, die sich rund ums Essen entwickelt haben: „Liebe geht durch den Magen“, „Essen hält Leib und Seele zusammen“, „Am gemeinsamen Tisch wächst Vertrauen“, „Gemeinsam essen heißt gemeinsam leben“ oder „Wer das Brot teilt, teilt auch sein Herz“.

Ein besonders schönes kulinarisches Beispiel dafür sind Teigtaschen. Sie kommen fast überall auf der Welt vor. Unterschiedliche Länder, Kulturen und Religionen – und doch liegt in vielen Küchen etwas sehr Ähnliches auf dem Teller: ein Stück Teig, gefüllt mit etwas Herzhaftem oder Süßem, sorgfältig geformt und gemeinsam gegessen.

Ein Gericht viele Namen 

Teigtaschen sind ein gutes Beispiel dafür, wie ähnlich sich Menschen weltweit sind. Die Grundidee ist fast überall gleich: Ein einfacher Teig wird gefüllt, verschlossen und gegart. Entstanden ist diese Form des Essens oft aus Notwendigkeit – man wollte Zutaten haltbar machen, Reste verwerten und mit wenig viel sättigen. Gleichzeitig steckt in jeder Teigtasche Sorgfalt und Zeit. Sie ist kein hastiges Essen, sondern etwas, das vorbereitet, geformt und oft gemeinsam hergestellt wird.

Erst bei genauerem Hinsehen zeigen sich die regionalen Besonderheiten. Jedes Land hat seine eigene Variante entwickelt, angepasst an Klima, verfügbare Zutaten, religiöse Regeln und geschmackliche Vorlieben.

In Italien heißen sie Ravioli oder Tortellini und sind meist mit Käse, Fleisch oder Gemüse gefüllt. Agnolotti und Cjarsons sind traditionelle gefüllte Teigtaschen aus Italien, wobei Agnolotti aus dem Piemont stammen und meist herzhaft gefüllt sind, während Cjarsons aus dem Friaul kommen und für ihre ungewöhnlichen süß-herzhaften Füllungen bekannt sind. In Deutschland kennt man Maultaschen, eine Spezialität aus Schwaben, die traditionell mit Fleisch, Spinat oder Brot gefüllt sind. Im Volksmund werden sie auch augenzwinkernd „Hergottsscheißerle“ genannt – ein Hinweis darauf, dass sie früher während der Fastenzeit gegessen wurden, um das Fleisch vor Gott zu „verstecken“. Aus Österreich stammen die Innviertler Bratknödel. Sie werden aus Nudelteig hergestellt und mit Selchfleisch, Grammeln oder Faschiertem (Bratl) gefüllt. Schlutzer (Schlutzkrapfen) sind halbmondförmige Teigtaschen aus Österreich und Südtirol, die meist mit Spinat und Topfen gefüllt und klassisch mit brauner Butter und Käse serviert werden.

In Tibet sind Teigtaschen ebenfalls verbreitet: Dort heißen sie Momos. Sie werden meist gedämpft oder gekocht und mit Fleisch oder Gemüse gefüllt. Momos sind einfach, nahrhaft und in der kargen Bergregion ein wichtiges Alltagsgericht. In Slowenien und im angrenzenden Kärnten kennt man Kärntner Nudeln, große Teigtaschen, die traditionell mit Topfen, Erdäpfeln und oft etwas Minze gefüllt sind. In der Ukraine heißen sie Warenyky und werden sowohl pikant, etwa mit Kartoffeln oder Kraut, als auch süß, zum Beispiel mit Kirschen, gegessen.

In Ungarn nennt man sie Derelye; auch hier gibt es herzhafte und süße Varianten. In Korea sind Mandu verbreitet, meist gedämpft oder gebraten und kräftig gewürzt. Mantu sind große, gedämpfte Teigtaschen aus Afghanistan, die meist mit würzigem Fleisch gefüllt und traditionell mit Joghurt- oder Knoblauchsauce serviert werden. Selbst in Südamerika findet sich das Prinzip wieder: In Argentinien sind Empanadas ein fester Bestandteil der Esskultur – gefüllte Teigtaschen, gebacken oder frittiert, die dort wie anderswo Menschen zusammenbringen. In Polen nennt man sie Pierogi, oft gefüllt mit Kartoffeln, Kraut oder Topfen. In China sind es neben Wontons - Wan Tan und Ha Gao (Har Gow) die Jiaozis, die traditionell zum Neujahrsfest gegessen werden.  Khinkali sind traditionelle georgische Teigtaschen. Sie bestehen aus einem dicken Nudelteig mit einer würzigen Fleischfüllung aus Rind. Man hält sie am gedrehten Teigknopf, beißt vorsichtig hinein und schlürft zuerst die Brühe, damit nichts ausläuft. 

In Japan kennt man Gyoza, meist dünner und stark gewürzt. In Georgien heißen sie Chinkali, größere Teigtaschen mit Fleisch und Brühe im Inneren. In Russland spricht man von Pelmeni, klein und schlicht. In der Türkei sind es Manti, sehr kleine Teigtaschen, die mit Knoblauchjoghurt serviert und mit heißer Paprikabutter und getrockneter Minze verfeinert werden. In Südtirol kennt man Schlutzkrapfen, meist mit Spinat oder Topfen gefüllt. In Indien erinnern Samosas an das gleiche Prinzip, auch wenn sie frittiert werden, und im arabischen Raum gibt es Sambousek.

Die Namen sind verschieden, die Sprachen auch. Im Englischen heißen sie „Dumplings“ –  im Chinesischen hingenen „Dim Sum" ein einziger Begriff für viele Namen, viele Länder und eine gemeinsame Idee. Doch die Idee dahinter ist erstaunlich gleich: Man nimmt Teig, füllt ihn mit dem, was vor Ort verfügbar ist – Fleisch, Gemüse, Käse, Linsen oder Kartoffeln – und macht daraus etwas, das satt macht und Freude bereitet.

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Kleine Unterschiede, große Gemeinsamkeit

Die Unterschiede liegen oft nur im Detail: in der Form – rund, halbmondförmig oder kunstvoll gefaltet –, in der Füllung, die sich je nach Klima, Religion oder Jahreszeit verändert, in den Gewürzen, die mild oder scharf sein können, und in der Art der Zubereitung, ob gekocht, gedämpft, gebraten oder frittiert. Doch egal ob am großen Familientisch oder in einer kleinen Küche: Teigtaschen werden selten allein gemacht. Man formt sie gemeinsam, sitzt beisammen und redet – manchmal über Alltägliches, manchmal über Sorgen, manchmal über Hoffnung.

Eine leise Friedensbotschaft

Vielleicht liegt genau darin ihre Kraft als Friedenssymbol: Teigtaschen zeigen, dass Menschen überall ähnliche Bedürfnisse haben – satt werden, teilen, dazugehören. Sie erinnern daran, dass das Verbindende oft größer ist als das Trennende. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen gemeinsam Teigtaschen essen, verschwinden Unterschiede nicht, aber sie treten in den Hintergrund. Man probiert, vergleicht, fragt nach Rezepten, und aus Fremdem wird Vertrautes. Ein Tisch, an dem Teigtaschen stehen, ist kein politisches Statement, und doch trägt er eine Botschaft in sich: Wir können verschieden sein und trotzdem gemeinsam essen. Vielleicht beginnt Frieden manchmal ganz unspektakulär – mit Teig, einer Füllung und der Einladung: „Setz dich zu uns.“

Wir haben KiKi nach einem vegtarischen Rezept für Dumplings gefragt, das diese kulinarische Vielfalt unter einen Hut - besser gesagt in einen Topf bringt. Hier das Ergebnis, wir haben es nachgekocht - es schmeckt herrlich.

Ein völkerverbindendes Dumpling-Rezept (vegetarisch)

Ein passendes Rezept zu diesem Gedanken darf keinem Land allein gehören. Es beginnt mit einem einfachen Teig aus Mehl, Wasser und einer Prise Salz – Zutaten, die es überall gibt. Die Füllung besteht aus fein gehacktem Gemüse: Zwiebeln, Karotten, Kraut oder Chinakohl, Pilze und etwas Knoblauch. Sanft angeröstet, nur bis sie duften, werden sie mit Salz, Pfeffer und – je nach Geschmack – einem Hauch Kreuzkümmel oder Ingwer gewürzt. Frische Kräuter wie Petersilie, Koriander oder Schnittlauch verbinden das Ganze. Der Teig wird dünn ausgerollt, gefüllt und gefaltet, jede Form ein wenig anders, jede Hand mit eigener Geschichte. Gegart werden die Dumplings im Dampf oder in leicht siedendem Wasser. Serviert werden sie schlicht, mit etwas Butter, Joghurt oder einer leichten Sauce. Dieses Rezept ist bewusst offen gehalten: Es lädt dazu ein, gemeinsam zu kochen, zu variieren und zu teilen – und bringt kulinarische Vielfalt nicht unter einen Hut, sondern in einen gemeinsamen Topf.

Wir feiern Weihnachten seit vielen Jahren nicht mehr mit Fischbeuschel­suppe und gebackenem Karpfen. Stattdessen haben wir eine neue Tradition etabliert, die ihren Ursprung in der digitalen Welt hat und auf unserem analogen, gemeinsamen Teller angekommen ist: das gemeinsame Herstellen von Teigtaschen. Der Spaß dabei, die Gespräche und das Zusammensitzen sind die eigentliche Magie dieser Zeit. Freunde und Verwandte schauen auf einen Dumpling vorbei – nicht to go, sondern to stay.

Unbedingt probieren: Crazy Khinkali